Beschaut man mal die Suchbegriffe, die die Leute auf den eigenen blog führen, darf man sich doch manchmal wundern – zum einen, ob man schon wieder irgendetwas in Sachen Suchmaschinenoptimierung nicht verstanden und falsch gemacht hat, sprich: stümperhaftes Tagging, schlechte interne Link-Infrastruktur und eine SQL-Datenbank im Schneckentempo. SEO-Dilettant, Ungeflattrter. Typisches Resultat eigener Quartalsbloggerlethargie.
Bloggen: Mitteilsamkeit als Krankheit, Krankheit als Weg, weg von sich selbst, rein ins Internet, in die Stats & Rankings, ins Zwitschern des WWW.
Blogger: die neuen Wandzeitungsmacher.
Top-Suchbegriff heute: “karsten bassist band foto”.
Ein allweites Sehnsuchtsszenario macht sich da sofort auf. Verwehte Musikerlandliebe. Oh, dieser Karsten, ob sie wohl jemals sein Foto im Internet findet? Unter all den anderen Karstens.
Sie hatte sie letztens erst auf dem Eggerdinger Schützenfest gesehen: diese amtliche Scorpions-Coverband “Scorps vom Dorp”. In herzbummpernder Begeisterungsrage spitze sie beim bekannten Bandvorstellungsprozedere in der instrumentalen Passage des vorletzten Liedes die Ohren und lauschte wartend auf den Namen des Bassisten. Malte der Keyboarder, Bernie der Drummer, Jochen “Joe” Glaser an der Rhytmusgitarre, Ingo an den Solo-Angeber-Saiten und - Karsten am Bass.
Karsten, dieser großgewachsene, ehemals dickhalsige, jetzt krankhaft ins Baumborkige sich schlank gehungert habende, ausgemergelte Tropf. Karsten, ein klassisches Sportuntterichtopfer. Einer, den die Jungs mit heruntergelassener Hose in die Mädchenumkleidekabinen schleiften und hinwarfen, wie einen geschossenen Truthahn. Einer, der mit Medizinbällen beworfen wurde. Einer, dessen Rolle-Rückwärts einem Igel im Versuch der Selbstumkrempelung glich. Einer, der im Stufenkasten eingebaut wurde – wie gefühlskalte Hausbauer totgefahrene Mai-Katzen in ihre Eigenheimwände einbetonieren – und wimmernd darin verharrte bis Sportlehrer Wutzkow dem Spiel des pubertierenden Lynchmobs ein Ende bereitete. Kasten hat man Karsten deshalb auch gern genannt. Heute ist Karsten drahtig wie eine Gottesanbeterin.
Auch ist Karsten heute also Bassist bei “Scorps vom Dorp”. Er fühlt sich dort wohl und hat seine Alkoholsucht ganz gut im Griff. In seiner Garage baut er alte Fernseher auseinander, auf dem Bandfoto trägt er ein T-Shirt der Sorte “Bier hat diesen Körper blablabla” und jedes Mal, wenn er mal bei Mutti zu Besuch ist, hadert er mit seinem sexuellen Coming-Out. Er würde sich so gern von der Last dieses Geheimnisses befreien. Es hat mit Katzen und Kasten zu tun.
Top-Suchbegriff gestern: “Amputierter Junge mit Krawatte”.
Was folgt daraus für meinen blog? Medizinisch verwegenes Informationsportal für stilbewusste Halsdekorateure?
Wie bezeichnend.