Lumières Claires – Please don’t focus on my mistakes. Please don’t focus on my mistakes.

Im Januar 2009 erschien ihr Album.
Begleitend dazu wurde damals folgender Artikel in der Leipziger Kulturzeitschrifterscheinung Persona Non Grata veröffentlicht.

Die Worte, wie auch das Album selbst, sind nach wie vor pflanzbaum-aktuell und sollten in keiner musikalischen Herbst-Rotation fehlen.

Lumières Claires – Please don’t focus on my mistakes. Please don’t focus on my mistakes.

Fehler richtig machen

(erschienen in: Persona Non Grata #77)

“We don’t make mistakes, we just have happy little accidents” ist ein berühmter Ausspruch des fernsehbekannten amerikanischen Volksmalers und Frisurenwunders Bob Ross.

In der Welt, wie er sie in seinen Fernseh-Malkursen zeichnete gab es nichts Falsches im eigentlichen Sinne. Alles sei erlaubt, alles sei möglich. Er nannte das “The Joy of Painting”. Ein bisschen mehr moosgrün ins Wurzelwerk hier und noch eine neckische Schneeglasur auf die verwitternde Berghütte am Hang dort oben. Bob Ross verstand die Wolken in seinen Bildern als fröhliche kleine Dinger, die in der Luft herum fliegen und sich wie Watte auf erhabene Bergspitzen legen. Auch die Bäume und das Dickicht waren bei ihm fröhliche kleine Freunde oder beherbergten solche. „There’s nothing wrong with having a tree as a friend“ versichert er uns, seine Mischpalette, wie ein fröhliches kleines Kind auf dem Arm wiegend.

Auf ihr mischte er seine Fantasien in transluzente Farben voll wonniger Liebe und malte den Waschbären und Eichhörnchen ein Haus. Und das Beste: Jeder konnte mitmachen. Was er da an tuchsamtener Flora und hineingewünschter Vorstellung von glücksbärchenhafter Faunenmystik auf Leinwand brachte war der jedermann/frausche Schlüssel zu unendlicher do-it-yourself-Romantik für die Entspannung im Wohnzimmer-Atelier nach dem Feierabend vom Autohaus.

Christin Schalko, Nico Schruhl, Lumières Claires, Greifswald, klein stadt GROSSThe Sounds of Innenarchitektur

In einer kleinen Stadt, in einer kleinen Straße steht eine Gartenlaube.

Es ist ein flaches Gebäude, in dem die Zimmer im Zirkel angeordnet
sind. Man kann im Kreis alle Zimmer ablaufen. Auf dem knieflachen Dachboden hört man manchmal Mäuse toben.

Hier entstand „Please don’t
focus on my mistakes. Please don’t focus on my mistakes.“

Das Phänomen, dass man genau dann an etwas denkt, wenn man sich fest vornimmt nicht daran zu denken ist gemeinhin bekannt. Und wird z.B. genau dann unangenehm alltagsaugenscheinlich, wenn man Hackfleisch-Klöppse in einer Kläranlage zu verspeisen vorhat.

Es scheint fast so, als wollten die Lumières Claires mit diesem Albumtitel eine Entschuldigung vorwegschicken – Dendemann formulierte das 1999 kühn und sexy mit den Worten “Ich sag’ schon nicht mehr Hallo, ich sag’ immer erst Entschuldigung!” (Eins Zwo – “Tschuldigung”), und machte klar: selbstreferentielles Verpeilertum sieht auch in Baggys zuckerpuppig cute aus. Hört alle her: Wir nichtsnutzigen Nullpfeifen sind die Stehaufmännchen unter den vielen kecken, popkulturell zur Ding- und Singbarkeit tauglich gemachten Role Models. Und wir meinen das auch noch ernst! Wir sind so taugenichtig, wie es den Eindruck macht!

Und irgendwie kommt letztlich doch was bei rum…

…denn: Hört man sich die, zuweilen nach Weilheim weisende Detailverliebtheit, die an John Frusciante denken lassenden Gitarren-Workouts und wogenhaften Background-Aahhs-&-Oooohs, und die in gut 30 Minuten gestopfte, an musikalischen Brüchen reiche Ideenbreite an, muss man schließen, dass dieser Albumtitel der Lumières Claires die Frucht von gesunder Bescheidenheit und nährenden Selbstzweifeln ist. Denn irgendwie komplett daneben ist diese ganze Sache dann natürlich doch nicht.

Weitere musikalische Anhaltspunkte? Bitte: Nico hat eine Neil-Young-unterfütterte musikalische Adoleszenz vorzuweisen. Das herb-euphorisch Überbordende eines Damien Rice mag einem einfallen. Skandinavisch-sanftmütiger Blockhütten-Charme à la Ai Phoenix als latenter Albumstenor, wird zuweilen durchrüttelt von verzerrtem, schlagzeug-gepreschtem, ja fast schon breederesk laszivem, sprödherbem Folkrock.

Ich-Inseln & geankerte Erinnerungen

Die Lumières Claires haben ihre Wurzeln in Greifswald und leben heute zur Hälfte noch dort. 2002 beschlossen Christin Schalko und Nico Schruhl ein Album aufzunehmen. Die Geschichte ihrer Fehler, auf die man vom Albumtitel nicht zu achten angehalten wird, beginnt am „Point Éphémère”.

Das ist ein Club in Paris. Und meint übersetzt soviel wie einen Punkt der Vergänglichkeit.

“Today I’m starting to realize // What you meant when you ran away that night” (Lumières Claires – „Point Éphémère”) …singt Christin und macht damit deutlich, woher das Licht der Lumières Claires scheint, wohin es scheinen soll.

Die Dachboden-Mäuse toben immer noch. An den Rahmen der zugigen Einfachfenster blättert unbemerkt Lack ab. In der Küche liegen Sätze von Kaffee. In ihren Köpfen welche, die Erinnerung ankern wollen.

“Walk on by”, das klar macht, dass quiet immer noch the new loud ist, auch musikalisch an die transparenten, gitarrenpickinggestützten Arrangments der Kings of Convenience erinnern lässt, artikuliert das so: “And all I want right know is to hold you // And I want to inhale our time. // Like the smell of those 14 beautiful roses // Instead I let you down”. (Lumières Claires – “Walk on by”).

Das Schwanken zwischen Hingabe und Unsicherheit. “Zu blöd für jedes kleine Glück” lakonisierten es die Lassie Singers mal auf den Punkt. Zuneigung und Hadern. Stillstand auf dem Plateau von dem das Gegenüber so hinreißend ausschaut, sich fesselnd im Blickfeld fest brennt und Schnitte ins Herz tätowiert.

“Motionless, that’s what I am now // Untimely like this year’s snow.” (Lumières Claires – “#5”)

Es sind zehn Lieder von zwei Menschen aus einer Stadt.Lumières Claires - Please Don't Focus On My Mistakes. Please Don't Focus On My Mistakes.

Dialoge, ungesagte und bereute Worte, zerstreute Briefe von der eigenen Ich-Insel, die man dem Anderen auf dem Küchentisch liegen lässt, in der stillen Hoffnung es erkläre zumindest ein bisschen etwas.

Im, per Siebdruckverfahren selbst gefertigten Cover, visualisiert sich das als Sprechblasen, die sich gegenüberstehen, jedoch auch kreuzen, überschneiden, ineinander versinken.

Nicht umsonst tritt der Albumtitel als eine Satzdopplung auf – “Please don’t focus on my mistakes. Please don’t focus on my mistakes.”. – Zwei Erzählersubjekte. Zwei Menschen. Zwei Fehlbare.

Aber auch: Wiederholung als wesens-, wissens- und wollensfestigendes Weltbewältigungs-Modul. Wozu gibt es denn bitteschön auch die Wiederholung?

Um sich etwas wieder zu holen! So siehts nämlich aus. Die Lumières Claires haben versucht das verwirrende, unaufhaltsam fortschreitende Zeit-Mensch-Ort-Geschichte-und-Geschichten-Kontinuum ein bisschen festzuhalten, sich Stücke von Erinnerung wiederholbar zu machen – mit allen impliziten Fehlern.
Versagt haben sie nicht.

“The Joy of Painting” läuft seit Anfang der achtziger Jahre erfolgreich im Fernsehen und hat schon manche schlaflose Nächte in versonnene Mattscheibentrips gerettet.

Bob Ross selbst schwebt jetzt wahrscheinlich, immer noch seine schrulligen In-der-Fantasie-geht-Alles-Mantren murmelnd, auf einer “happy little cloud” durch seine Bilder, oder versteckt sich unter einem “happy, crooked tree” und führt mit drolligen Oppossums Zwiegespräche über Handtaschen.

Die Lumières Claires veröffentlichen am 5. Januar ihr Album „Please don’t focus on my mistakes. Please don’t focus on my mistakes.“. Keine Sorge, machen wir nicht. Ihr leuchtet, und wir mit euch mit – Strompreisexplosion, wir sind gewappnet.

Martin Hiller

…mittlerweile haben die Lumières Claires für Leonard Las Vegas geremixt und lassen sich zur Zeit auch selbst remixen und reinterpretieren. Ergebnisse davon werden hoffentlich nächstes Jahr zu hören sein. Auch Lofi Deluxe & Fantaghiro Konto werden einen Remix beisteuern.

Das Album kann man, wenn man nicht den Amazon-Monopolisten in die Tasche zahlen will, am besten über den Direktkontakt mit der Band erstehen.

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